Kein Lohn? Keine Miete! Die Reichen sollen zahlen!

Redebeitrag vom 20. Juni

Wir, das Frauen*kneipenkollektiv aus dem Café Cralle, haben das Cralle in den letzten Monaten als Raum für Vernetzung und Austausch und auch als politischen Ort sehr vermisst.

Diese außergewöhnliche Zeit hat uns nochmals und mit besonderer Dringlichkeit gezeigt, dass wir jetzt und auch in allen weiteren Krisen (und auch sonst 🙂 ) Orte brauchen, an denen wir zusammenkommen und uns gegenseitig unterstützen können. 

Als quasi alt eingesessener Ort im Kiez sind auch wir doll von den Corona-Auswirkungen betroffen.  Erst mehrere Monate geschlossen, dann die recht spontane Ankündigung dass wir wieder öffnen können, natürlich mit Auflagen, deren Durchführungen in den wenigen Tagen kaum zu gewährleisten sind. 

Für viele Orte bedeutete die Möglichkeit zu öffnen auch die Notwendigkeit das zu tun. Denn die verschiedenen Hilfspakete haben zwar die Fixkosten (zum Beispiel die Miete) gedeckt, durften aber nicht für Löhne verwendet werden. Im Klartext heißt das, dass die Orte unterstützt wurden, nicht aber zwangsläufig auch die Menschen, die hinter diesen Orten stehen. 

Die spontane Wiedereröffnung ist für die Meisten auch mit hohen Risiken verbunden. Wer nicht pleite gehen will, muss den Laden öffnen und die eigene Gesundheit und die der Mitarbeiter*innen riskieren.  

Außerdem bedeuten die Auflagen für die meisten Orte weniger Einnahmen, möglicherweise sogar Schulden. Das heißt arbeiten ohne angemessenen Lohn für Selbstständige. Auch wenn wir als Kollektiv selbst entscheiden können ob wir arbeiten wollen und das nicht von Chef*innen vorgegeben bekommen, wurden wir gefühlt vor die Frage gestellt, was uns wichtiger ist – Gesundheit oder Wirtschaftlichkeit. Das war mit vielen anderen Problemen verbunden. Wer von uns gehört zu „Risikogruppen“ oder hat viel Kontakt zu Menschen aus „Risikogruppen“? Wer kann es sich leisten, für einen geringen Stundenlohn zu arbeiten? Können wir es uns leisten zu öffnen oder machen wir vielleicht sogar ein Minusgeschäft? Wie schaffen wir es unsere Gesundheit und die unserer Besucher*innen zu sichern.

Wie können wir solidarisch mit dieser Situation umgehen, ohne uns selber einem zu großen Risiko auszusetzen oder uns kräftemäßig und finanziell auszubeuten? 

Erschreckenderweise ist die Möglichkeit genau das selbstständig zu entscheiden, ein riesiges Privileg. So viele Menschen, vor allem in den sogenannten systemrelevanten Jobs, hatten nicht die Möglichkeit ins Home-Office zu gehen, mussten weiterhin die Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und waren einem enormen gesundheitlichem Risiko ausgesetzt. Wenig überraschend sind genau das auch oft die Menschen, deren Arbeit auch noch viel zu schlecht bezahlt wird und die auch über Corona hinaus einer hohen Belastung und miesen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind. Frauen* sind durch die Corona-Pandemie oft noch stärker betroffen. Sie übernehmen immer noch einen riesigen Anteil an Care-Arbeiten – sowohl bezahlt als auch unbezahlt. Das heißt, neben dem Job als Erzieherin* in einer Wohngruppe auch noch die Lehrerin* für das Kind im Home-Office zu spielen. Personen die keine Wohnung haben, oder sich ihren Wohnraum mit etlichen anderen Menschen teilen müssen, haben keine Möglichkeit auf die eigene Gesundheit zu achten.

Anstatt aus dieser Pandemie zu lernen, werden Pflegende, Sozialarbeiter*innen etc. beklatscht und mit läppischen Bonuszahlungen abgespeist oder verdienen sogar noch weniger als im Jahr davor. Gleichzeitig werden Milliardenpakete für Großunternehmen verteilt, während Privatpersonen ihre Miete freundlicherweise nachzahlen dürfen, als hätte man einige Monate später wie durch ein Wunder mehr Geld. So müssen sich die Vermieter*innen keine Sorgen um Verluste machen. Menschen die vor der Pandemie kurz vorm Burn Out standen, dürfen sich darauf gefasst machen genau dort sehr bald wieder zu landen, denn an dem ungesunden neoliberalen 40 + Stunden-Arbeitsmodell scheint sich so schnell nicht zu ändern. Und es zeichnet sich bereits ab, wer für die Krise bezahlen soll – und es sind nicht die Reichen! Umverteilung funktioniert aber nur von oben nach unten, nicht von unten nach noch weiter unten!

Die Sorge um Existenzsicherung, Bildungsgerechtigkeit und die Verteidigung der Grundrechte sollte nicht den neoliberalen und autoritären Kräften überlassen werden. 

Wir wollen keine Wirtschaft, in der die Gesundheit systematisch geschädigt wird. 

Wir wollen kein System, in dem die Krise auf den Schultern der Depriviligierten ausgetragen wird.

Wir wollen nicht, dass sich kleine Betriebe bis in den Bankrott abrackern um dann gentrifiziert zu werden. 

Wir wollen, dass die Miete erlassen oder zumindest deutlich verringert wird. Kein Ausverkauf des Kiezes! 

Wir wollen selber entscheiden können ob und wie wir arbeiten!

Wir wollen keine kleinen Pflaster mehr, sondern eine dauerhafte Umstrukturierung des Systems  und Sicherungssysteme!

Wir wollen eine Debatte über Nützlichkeit, Sexismus, Rassismus und Gesundheitsnormen innerhalb von Strukturen!

Orte sind leider nie für wirklich alle Menschen zugänglich, das war immer schon so, doch jetzt zeigt es sich noch deutlicher. Es sollte nicht erst eine Pandemie geben müssen um Menschen aufzurütteln und zu zeigen, dass die Verhältnisse irgendwie nicht so ganz richtig stimmen. Wir müssen uns noch mehr vernetzten und solidarisch miteinander sein!

Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Reichen zahlen!

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